Liebe Börsianer, 

es gibt eine eherne Regel am Kapitalmarkt. Danach läuft ein Marktzyklus grob gesprochen rund 10 Jahre. Zu Deutsch: Ein Markt, ganz egal ob Aktien, Gold oder etwa Öl steigt 10 Jahre lange, bevor er die Aufwärtsbewegung beendet. Einige Beispiele für solche Dekaden: Gold stieg zwischen 2001 und 2011 ohne Unterlass und trat danach in eine Korrekturphase ein. Der DAX legte zwischen 2009 und 2018 quasi wie an der Schnur gezogen zu, um anschließend in eine Seitwärtsphase einzutreten 

Diese eherne Regel kennt allerdings eine Ausnahme. Das ist die sog. Doppel-Hausse, also quasi ein Zyklus, in dem ein Markt praktisch 20 Jahre am Stück im Wesentlichen nur aufwärts strebt. Eine solche großartige Doppel-Hausse hat der Markt z.B. in den 80er- und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebt. In diesem Zeitraum legte etwa der US-Markt (S&P 500) rund 1.400 % zu.  

Es bedarf keiner vertieften Erklärung, dass in solchen Phasen Millionen- und Milliardenvermögen entstehen. Welche Faktoren sprechen nun dafür, dass der Aktienmarkt im kommenden Jahr in seine zweite Dekade einer Doppel-Hausse einsteigt? 

Pro Doppel-Hausse: Die ultralockere Geldpolitik unterstützt im Hintergrund. Es ist derart Kapital im Markt, dass jede kleine Kursdelle sofort neue Nachfrage auslöst. Ein solches Beispiel haben wir erst vor wenigen Tagen erlebt, als etwa der DAX nach einigen schwächeren Tagen wieder fulminant nach oben drehte.  

Außerdem haben die Investoren die wohl nicht ganz unrealistische Hoffnung, dass im nächsten Jahr ein wirkungsvoller Corona-Impfstoff zur Verfügung steht. Und wenn wir das Virus besiegen, wird auch das Old Economy-Segment in Nordamerika und Europa wieder machtvoll anspringen. Damit würde der Aktienmarkt – anders als im laufenden Jahr – wieder auf allen Zylindern laufen. Anders formuliert: Die Hausse gewänne an Breite und stützte sich nicht mehr ausschließlich auf das Technologiesegment.  

In diesem Szenario zöge der DAX möglicherweise im ersten Quartal machtvoll über seine bisherigen Hochpunkte bei rund 13.700 Punkten hinaus. Auch andere europäische Schwach-Indizes wie der österreichische ATX hätten dann wieder reichlich Potenzial. Eine solche breit fundierte Kursbewegung kann mehrjährig anhalten.  

Das spricht gegen die Doppel-Hausse 

Das Technologie-Segment weist gegenwärtig eine historische Hochbewertung auf. Diese Bewertung lässt sich nur in einem nahezu optimalen Marktumfeld halten. Zu Deutsch: Die Unternehmen der Technologie-Branchen müssen pausenlos liefern. Ermüdet hingegen die Gewinndynamik etwa bei Amazon, Microsoft, Qualcomm oder Facebook, stehen üble Kursabschläge bevor.  

Ein Beispiel dafür ist der jüngste Rücksetzer der SAP-Aktie. Das europäische Leuchtturm-Unternehmen der Software-Branche SAP wird die Wachstumsraten der Vergangenheit absehbar nicht halten. Hier straft der Markt dann ohne Gnade sofort ab. Vor einem solchen Schicksal sind auch die US-Leuchttürme aus dem Silicon Valley nicht gefeit. Hier sehe ich durchaus Risiken.  

Möglicherweise werden wir auch nächstens erfahren, dass uns die Corona-Krise mehr Substanz gekostet hat als bisher erwartet. So sind etwa die Kassen der deutschen Arbeitslosenversicherung ziemlich leer, dafür sind die Schulden der öffentlichen Hand – nicht nur hierzulande – knackig gestiegen. Nicht wenige Skeptiker sehen zudem 2021 eine veritable Konkurswelle durch die Unternehmenslandschaft in Nordamerika und Europa rollen. Alle diese Zutaten können das Finanzsystem nochmals vor eine Zerreißprobe stellen.    

Sie sehen also, die nächsten Wochen werden für uns besonders spannend. Der Aktienmarkt steht an einer Wegscheide. Es steht die Entscheidung bevor, ob wir Teil 2 einer großartigen Hausse erleben oder ob wir in eine ausgedehnte Baisse fahren werden.  

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