Warum der Aktienmarkt eine Pause braucht

Warum der Aktienmarkt eine Pause braucht

Lieber Börsianer, 

gestern hatte ich Sie bereits zart vorgewarnt. Ich bin für die kommenden Wochen und Monate nur wenig optimistisch. Denn im Hintergrund wirken Faktoren, die die weitere Entwicklung des Aktienmarktes spürbar bremsen werden. Erste Vorboten einer Seitwärtsbewegung haben wir bereits im Mai gesehen. Praktisch alle wichtigen Aktienindizes dieser Welt haben zuletzt verloren.  

Welche Faktoren bremsen gegenwärtig den Markt? 

Der Arbeitsmarkt: In vielen westlichen Volkswirtschaften herrscht gegenwärtig nahezu Vollbeschäftigung. In den USA ist die Arbeitslosigkeit sogar so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr. Folglich können die Unternehmen gegenwärtig ihre Kapazitäten kaum noch zu bezahlbaren Preisen ausbauen. Besonders eklatant wirkt der Fachkräftemangel in der Tech-Branche. Hier müssen selbst mittelstark begabte Kräfte für viel Geld bei der Konkurrenz abgeworben werden. Gerade die Aktienprogramme für Mitarbeiter sind im Silicon Valley mittlerweile ein echter Gewinnkiller geworden. Stichwort hier: steigende Kosten essen Gewinnwachstum auf.  

Generell haben wir zu Jahresbeginn eine spürbare Wachstumsabschwächung im Tech-Segment gesehen. Die Zeiten explosiven Gewinnwachstums bei Netflix, Facebook und Co scheinen erst einmal vorüber zu sein. Damit fehlt dem Gesamtmarkt ein wesentlicher Kurstreiber. Schließlich sind etwa Microsoft, Apple oder Amazon absolute Indexschwergewichte. Wenn diese Aktien nicht mehr richtig ziehen, nimmt die Kursdynamik in den Indizes sofort ab.  

Zwar arbeiten die Unternehmen der Branche an neuen Geschäftsmodellen. Der Aufbau dieser neuen Wachstumsfelder kostet zunächst allerdings erst einmal Geld und damit Gewinn.  

Der neue Protektionismus: Wir kriegen das Thema Handelskonflikt nicht wirklich von der Agenda. Zwischen Washington und Peking herrscht gegenwärtig Funkstille. Vermutlich werden die jüngst angekündigten Sonderzölle gegen US-Exporte nach China pünktlich zum 1. Juni in Kraft treten. Das ist auch kein Kurstreiber. Unklar ist zudem, wie die US-Regierung mit Autoexporten aus Europa und Japan verfahren wird. Hier drohen nochmals neue Zölle.  

Die Geldpolitik: Die Geldmarkt-Zinsen werden sicherlich in den kommenden Monaten noch nicht nennenswert steigen. Dennoch sollte jedem Börsianer klar sein, dass vor allem in der Euro-Zone ein weiterer geldpolitischer Stimulus praktisch ausgeschlossen ist. Damit fehlt uns ein großer Kurstreiber, der den Markt vor allem bis etwa 2017 stark getrieben hat. Fazit: Die Notenbanken helfen dem Aktienmarkt zunächst nicht. 

Globale Investitionszurückhaltung: Schon seit längerem beobachte ich, dass viele Unternehmen kaum noch investieren. Unternehmen wie Berkshire Hathaway, Microsoft und Apple sitzen auf riesigen Geldbergen, die sie allerdings nicht in den Markt geben. Warum? Offenbar sehen die Unternehmen selbst im Moment nur wenig Wachstumschancen. Stattdessen fließt immer mehr Geld in Aktienrückkäufe. Kurzfristig mag uns das als Investor erfreuen. Freilich schaffen diese Rückkäufe kein neues Wachstum. Direktinvestitionen würden dem Markt mehr bringen.  

Die Spekulationsblase: Stand heute ist der Markt in seiner Breite nicht zwingend überbewertet. Allerdings sehen recht stramme Preise für anerkannte Qualitätsaktien wie McDonald´s, Wal-Mart oder hierzulande etwa SAP. Einige Nischensegmente des Marktes gelten hingegen als spekulativ aufgeblasen. Hier sticht vor allem der Markt für Börsengänge (IPO) ins Auge. Zuletzt etwa jagte die Aktie des Börsenneulings Beyond Meat am ersten Handelstag in New York über 160 % in die Höhe. Das ist ein Exzess. Solche Ereignisse treten regelmäßig am Ende einer vieljährigen Haussephase auf.     

Bin ich jetzt als Anleger des nächstens um meinen Schlag gebracht vor lauter Sorge um den Markt? Nein, bestimmt nicht. In den nächsten Wochen werden wir Gewinne allerdings eher in der zweiten Reihe (Sondersituationen) finden und bei einigen zuletzt zu Unrecht abgestraften Aktien wie etwa Baidu oder 3M. Jetzt ist eine gewisse Kreativität und vor allem tiefe Recherche verlangt, um die wenigen Out-Performer am Markt auch tatsächlich zu finden.  

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