Liebe Börsianer,

die freie Wirtschaft und das Spiel von Angebot und Nachfrage sind die Triebfedern der wirtschaftlichen Entwicklung. Neue Technologien oder Geschäftsideen setzen sich durch, weil sie effektiver, billiger oder besser sind als alte Konzepte.

Um diesen Treiber unseres Wohlstands zu entfachen, bedarf es kluger Köpfe. Revolutionäre Ideen reifen in den Köpfen außergewöhnlicher Persönlichkeiten. Steve Jobs, Mark Zuckerberg, Elon Musk oder Jeff Bezos sind nur einige dieser Ausnahmeunternehmer.

Die Corona-Krise verändert die Geldanlage

Während normalerweise ein Wettbewerb um die klügsten Köpfe und Konzepte stattfindet, wird dieser Mechanismus zunehmend außer Kraft gesetzt. Der Staat mischt sich immer mehr ein. Die Corona-Krise hat unser gesamtes Wirtschaftssystem auf den Kopf gestellt.

Zahlreiche Unternehmen werden durch Staatshilfe am Leben gehalten. Was vielleicht im Sinne der besonders hart getroffenen Veranstaltungs- und Reisebranche Sinn ergibt, verleitet in vielen anderen Fällen zu ungewollten Mitnahmeeffekten. So sanieren sich derzeit beispielsweise zahlreiche Industrie-Unternehmen mithilfe der Kurzarbeiterregelungen, auch wenn sie bereits vor der Krise in ernsten Schwierigkeiten waren. Für uns Anleger bedeutet das: Wir müssen zunehmend auf die politischen Entscheidungen achten.

Die Politik entscheidet über Ihren Anlageerfolg mit

Die Politik entscheidet nicht nur über die Steuern und Gesetze, die das Wirtschaftsleben maßgeblich beeinflussen, sondern sie betätigt sich mittlerweile immer häufiger selbst als Unternehmer. Dass dabei Ineffizienzen entstehen, wird nicht nur bei der seit der Finanzkrise teilverstaatlichten Commerzbank oder der Deutschen Bahn deutlich. Und der Einfluss wird immer größer. Neue Verstaatlichungswellen treffen den Tourismus-Bereich, wie wir gerade bei der Lufthansa und TUI sehen.

Um den Einfluss der Politik auf die Wirtschaft zu messen, kann man die Staatsquote betrachten. Darunter versteht man den Anteil des Bruttoinlandsproduktes, das durch die Hände des Staates fließt, sei es durch ordinäre Staatsausgaben für Bildung, Infrastruktur oder Militär oder durch Transfer- und Sozialleistungen.

Die Staatsquote hat sich in den vergangenen Jahrzehnten bereits kontinuierlich erhöht. Während die Quote in den westeuropäischen Ländern noch in den 1950er-Jahren zwischen 25 und 30% lag, wurde Anfang der 1990er-Jahre vielerorts bereits eine Staatsquote von 50% überschritten. Das bedeutet, dass der Staat für mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes verantwortlich war.

In Deutschland lag der Wert in den vergangenen Jahren konstant bei 45%. Durch die Corona-Krise und die umfassenden Rettungsmaßnahmen wir die Staatsquote dieses Jahr nach Berechnungen des Handelsblatts auf rund 54% steigen. Ludwig Ehrhard, der Erfinder der sozialen Marktwirtschaft, hat sich das ganz sicher anders vorgestellt.

Der Staat übernimmt immer mehr Kontrolle

Durch die Rettungspolitik wird der Staat selbst immer mehr zum Unternehmer. Das ist, wie wenn beim Fußball der Schiedsrichter für ein Team mitspielt. Eine Staatsquote von mehr als 50% ist schädlich für eine freie Marktwirtschaft. Das freie Spiel von Angebot und Nachfrage und der Drang zu ständiger Verbesserung werden behindert.

Selbst die sozialistische DDR mit ihren volkseigenen Betrieben hatte in den 1960er-Jahren lediglich eine Staatsquote von 50 bis 60%. Bis 1990 stieg die Quote freilich auf 90%, was dann auch zum wirtschaftlichen Niedergang beitrug.

Die Staatsquote hat einen Einfluss auf die wirtschaftliche Prosperität. Die Amerikaner sind viel innovativer und schneller als wir Europäer, wenn es um neue Technologien und deren Umsetzung geht. Die Staatsquote liegt deutlich unter 40%. Und im angeblich kommunistischen China liegt die Staatsquote sogar nur bei knapp über 30%. Dort trifft der Aufstiegswillen der überwiegend armen Landbevölkerung auf einen Staat, der extrem strenge Regeln setzt, aber innerhalb dieser Regeln für einen freien Wettbewerb sorgt. Deshalb sind die Chinesen so erfolgreich.

Wir müssen bei unseren Investitionen immer auch die Staatsquote im Blick behalten. Schließlich wollen wir nicht in die Stars von Gestern investieren, sondern die Gewinner von Morgen finden.

 

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